Begehungen 2020

Werden die Begehungen 2020 stattfinden?

Im Moment jagt eine Festivalabsage die nächste. Auch uns erreichen
Anfragen, ob die Begehungen in diesem Jahr stattfinden werden. Wir haben
uns natürlich eingehend mit der Frage beschäftigt und sagen ganz klar:
JA, auch in diesem Jahr wird es unser Kunstfestival geben. Live! Echt!
Und nicht nur als Stream!

Wir diskutieren intern, aber auch mit den Genehmigungsbehörden,
verschiedene Varianten der Durchführung. Die Begehungen sind zuvorderst
ein Ausstellungsprojekt. Eine Möglichkeit könnte daher sein, dass wir
weniger Menschen zeitgleich in die Ausstellung lassen dürfen. Das
möchten wir zum Beispiel durch mehr Öffnungstage ausgleichen.

Sicher ist hingegen, dass wir unser Rahmenprogramm anders gestalten
werden. Es wird keine „engen“ Konzerte geben können, aber wir prüfen
andere, spannende Darbietungsformen für Musik, Literatur und Film.

Im Moment halten wir aber am eigentlichen Zeitraum 13. - 16. August
fest. Endgültig festlegen werden wir die genaue Durchführung erst Mitte
Juni.

Wir möchten mit diesem Statement unseren BesucherInnen, aber vor allem
den Künstler und Künstlerinnen die Sicherheit geben, dass die Begehungen
2020 stattfinden werden. Fühlt euch also weiter herzlich eingeladen, auf
unseren Open Call zu antworten. Bewerbt euch, macht mit, werdet der Teil
der Begehungen 2020! Freut euch mit uns auf spannende „Entwürfnisse“ am
Ring 8!

Bleibt gesund!

Das BEGEHUNGEN-Team


Ausschreibung

Begehungen No. 17

Entwürfnisse: Ring 8

13.8. - 16.8.2020

Wir müssen reden. Uns brennt die Welt unter den Nägeln. Warum, wissen wir nicht.

Wir haben doch das Kollektiv überwunden. Wir verfolgen unsere eigenen Pläne. Sind Selfmade und speziell. Wir haben unseren Geschmack veredelt, wir sind individuell, wir sind einzigartig, wir sind Inseln. Wir sind Singularitäten. Singularitäten im Zeitalter der Postutopien. Lebenspläne sind zu Klischee, stressen uns, engen uns ein. Schnell raus, die Geschichte ist zu Ende.

Doch wir sind nicht satt.

Wir sehnen uns nach Plan, nach Sinn nach dem Kollektiv. Wir mögen keine Pläne und das Kollektiv trachtet uns nach der Einzigartigkeit. Was die Großeltern hatten, wollen wir nicht. Die Eltern belächeln wir. Was wir wollen, wissen wir nicht.

Es gibt kein Wir.

Wir, das sind die anderen. Wir, das sind Iche, mit unklaren ständig wechselnden Rollen. Wir wollen Klarheiten. Wir wollen eine Gesellschaft mit Sinn. Eine Gesellschaft mit Platz für jeden. Sind alle drin, wollen wir raus. Wir sind exklusiv. Wir wollen Raum. Raum für unsere Singularitäten. Entwürfnisse sind Willkommen.

Passt unsere Gesellschaft noch in deinen Individualismus? Passt unser Individualismus noch in deine Gesellschaft?

Wie geht es weiter nach dem Ende der Geschichte? Wie werden wir wieder kollektiv und wollen wir das überhaupt? Der Kapitalismus bietet Freiheit feil – doch was wollen wir dafür zahlen. Wir wollen nicht leben wie unser Nebenmensch.

Wir sind planlos. Doch der Plan steht vor unserer Haustür.

Ring 8 ist die Arena, die Teststrecke für alle Entwürfnisse. Sie ist Sehnsuchtsort vieler. Ring 8 ist ein Modell. Planort. Trabantenstadt. Ring 8 bietet Raum, den Du brauchst. Ein Wohnhaus. Eine Kaufhalle. Leerstellen. Ring 8 stellt die Basis. Den Überbau müsst ihr schon selbst mitbringen.

Bring deine Entwürfnisse ein. Sei Ring 8.

Unter dem frei interpretierbaren Titel Entwürfnisse: Ring 8 rufen wir dazu auf, künstlerische Arbeiten einzureichen oder sich mit einem Konzept auf eine vierwöchige Residenz in Chemnitz zu bewerben.

Dieser Open Call richtet sich an sämtliche künstlerische Ausdrucksformen, die sich unter diesem Thema eine freie Auseinandersetzung vorstellen können. Alle von einer Fachjury ausgewählten Arbeiten werden in der ehemaligen Kaufhalle sowie im Plattenbau und ggf. im Außenbereich während des gesamten Festivals ausgestellt und unter hoher Medienpräsenz von einem vielfältigen Rahmenprogramm aus Musik, Lesungen und Workshops begleitet.


Honorare und Sachmittel:

  • Künstler*innen ausgewählter Einsendungen erhalten eine Aufwandsentschädigung in Höhe von 270 € + Portokosten (Einsendungen).
  • Residenzkünstler*innen erhalten eine Aufwandsentschädigung von bis zu 1800 € inklusive Sachmitteln. An- und Abreisekosten werden erstattet sowie eine kostenfreie Unterkunft gestellt (Residenzen).


Bewerbungsgrundlage ist:

  • das vollständig ausgefüllte Online-Formular (Bewerbungsportal)
  • eine Dokumentation der auszustellenden Arbeit(en) inklusive ihrer thematischen Verknüpfung zum Festival (Einsendungen)
  • eine kurze Projektskizze zu der Arbeit, die in Chemnitz entstehen soll und Bezug nimmt auf das Festivalgelände / die Ausstellungsflächen / das Thema max. 2000 Zeichen und ggf. einer Skizze oder Fotos in einem PDF-Dokument (Residenzen)
  • ein kurzes Portfolio bisheriger Arbeiten (PDF)
  • eine kurze Vita (PDF)

Alle Dokumente bitte im PDF-Format bereitstellen. Der Upload ist im Bewerbungsportal nach Anmeldung möglich.


Termine

Einsendeschluss für die Bewerbung ist der 13.05.2020. Die Jurysitzung findet Mitte Mai statt. Voraussichtlich am 30.5. geben wir die Wahl der Jury bekannt.

Der Residenzzeitraum ist vom 15.7. bis 13.8.2020 (Vollresidenz, max. vier Wochen). Kürzere Residenzen sind ebenfalls möglich und in diesem Zeitraum vorgesehen.


Hinweis bezüglich der aktuellen Lage wegen Covid-19

Selbstverständlich ist es unser größtes Anliegen unsere Künstler*innen, Helfer*innen und Besucher*innen keiner gesundheitlichen Gefährdung auszusetzen. Als Veranstalter*innen des Festivals sind wir im ständigen Kontakt mit den zuständigen Behörden. Durch die momentane Ungewissheit in Hinblick auf die kommenden Monate, insbesondere was auch die Einreisebestimmungen betrifft, können wir nicht garantieren, dass ausgewählte internationale Künstler*innen für den Zeitraum der einreisen können. Sollte es absehbar sein, dass das Festival nicht in der geplanten Form stattfinden kann, werden wir mit allen Bewerber*innen und spätestens mit den ausgewählten Künstler*innen in Kontakt treten.

Der Festivalort: Kaufhalle und Plattenbau

Die größte Plattenbausiedlung von Chemnitz wird die Kulisse für die diesjährigen „Begehungen“ sein. Als Wohngebiet „Fritz Heckert“ – umgangssprachlich auch Heckertgebiet – wurde es ab 1972 in Karl-Marx-Stadt erbaut. Es erstreckte sich über die drei Stadtteile Kappel, Helbersdorf und Markersdorf und war mit knapp 90.000 Einwohnern die drittgrößte Plattenbausiedlung der DDR. Unterteilt war es in die neun Baugebiete 0 bis VIII. Letzteres entstand in den 1980er-Jahren. Dessen zweiter Teilabschnitt war einer der letzten Atemzüge des DDR-Wohnungsbaus. Zu den erst kurz vor der Wende fertig gestellten Gebäuden gehörte das Einkaufszentrum an der Straßenbahn-Endhaltestelle Hutholz. Die mittlerweile seit Jahren verlassene Kaufhalle wird das Zentrum unseres diesjährigen Festivals sein.

Zunächst ein kleiner Exkurs in die Geschichte der ostdeutschen Plattenbaugebiete: Mit der Formalismusdebatte zu Beginn der 1950er-Jahre wurden die Errungenschaften des Bauhauses in Kunst und Architektur abgelehnt. Die Neubauten orientierten sich in der DDR am „sozialistischen Realismus“, der heute unter anderem noch an der Karl-Marx-Allee (ehemals Stalinallee) in Berlin Mitte und Friedrichshain zu finden ist.

Bereits ab Mitte der 50er-Jahre wurde zunehmend – vor allem aus ökonomischen Gesichtspunkten – die Industrialisierung des Wohnungsbaus gefordert. Man besann sich zunehmend auf die Ideen des Modernen Bauens was schließlich darin gipfelte, dass 1971 die Beseitigung des Wohnungsproblems bis 1990 als Staatsziel formuliert wurde. Damit begann – begründet mit den Prinzipien des Bauhauses – die großflächige Planung der Plattenbaugebiete. Im Zuge dieses Masterplans entstand auch das Wohngebiet „Fritz Heckert“ in Karl-Marx-Stadt (heute: Chemnitz).

Unser Festivalzentrum – eine ehemalige Kaufhalle – liegt im letzten Teilabschnitt, der erst kurz vor der Wende fertig gestellt worden ist. Die Kaufhalle selbst ist ein Produkt des volkseigenen Wohnungsbaukombinats "Wilhelm Pieck" Karl-Marx-Stadt. Hier wurden neben den verschiedenen Typenbauten für Wohngebäude auch die Sonderbauten wie Versorgungszentren, Schwimmhallen und eben auch Kaufhallen geplant und landesweit nach gleichem Muster gebaut.

„Unsere“ Kaufhalle war eines der letzten Gebäude, die im Wohngebiet „Fritz Heckert“ fertig gestellt worden ist. Sie eröffnete 1988/89 und diente als Nahversorgungszentrum.

Mit dem gesellschaftlichen Umbruch in der DDR verloren die Plattenbaugebiete in der gesamten DDR an Attraktivität, zusätzlich gab es einen erheblichen Bevölkerungsrückgang durch Abwanderung. Die Folge war ein hoher Leerstand in diesen Siedlungen. Ende der 1990er-Jahre begann ein großflächiger Rück- und Umbau des Wohngebietes. Es wurden ganze Häuserzeilen abgerissen oder auch Gebäude um einige Etagen gekürzt. Insgesamt wurde das ehemalige Fritz Heckert Gebiet (gemessen an den Wohneinheiten) bis 2009 um rund ein Drittel „verkleinert“.

Der Umbau und die Umstrukturierung sind im direkten Umfeld unseres Festivalzentrums gut sichtbar. Die Nachbarschaft rings um die Kaufhalle teilen sich sanierte und unsanierte Plattenbauten mit ganz jungen Neubauten der vergangenen Jahre und den freien Feldern am Rande von Chemnitz. In diesem Spannungsfeld richten wir unser diesjähriges Festival aus.


Grundrisse der Wohnungen (zur Orientierung)


Das Festival

Die Begehungen

Das Kunst- und Kulturfestival Begehungen findet seit 2003 in Chemnitz statt - als größtes Off-Kultur-Event der Stadt. Markenzeichen ist eine unkonventionelle und niederschwellige Herangehensweise an Kunst. Die Begehungen sind aus diesem Grund nicht nur eine temporäre Kunstausstellung, sie sind ein sozialer Treffpunkt für Menschen unterschiedlichster Prägungen. Ein umfangreiches Rahmenprogramm, bestehend aus Performances, Lesungen und Konzerten, ist ebenfalls wesentlicher Bestandteil des Festivals.

Wichtig und dem Festivalname verpflichtet ist die Tradition des jährlich wechselnden Ortes. So waren neben Mikro-Arealen auf dem Sonnenberg und dem Brühl u.a. ein ehemaliges Gefängnis, eine alte Schule, der Kulturpalast Rabenstein, eine Gartensparte und verlassene Industriegebäude Orte des Kunstfestivals.

Die Begehungen verstehen sich als inklusives und barrierearmes Festival mit umfangreichen Angeboten. Der Eintritt zu allen Programmpunkten sowie zu der Ausstellung ist frei.

Über uns

Wir haben eine gemeinsame Idee. Einer baut gern, eine redet gern. Manche entdecken gern ungenutzte Orte. Alle freuen sich auf Besuch aus anderen Ländern und auf junge Kunst.

Eine interessiert sich für Musik und Bands, einer mag Theater. Einige wollen sich am Geschehen in der Stadt beteiligen, andere nur ein schönes Wochenende haben.

Eine lötet und verkabelt, einer denkt über Chemnitz und Europa nach. Manche bringen gern Licht ins Dunkle, andere wollen Barrieren abbauen. Alle machen sich gern dreckig.

Wir möchten ein Festival für Alle. Hast Du Lust und Interesse bei uns mitzumachen? Dann zögere nicht und schreibe uns eine Mail: info [at] begehungen-chemnitz.de

Impressionen der letzen Jahre

Begehungen 2016: TA Lärm

Begehungen 2017: Institut Potemkin

Begehungen 2018: Jenseits von Beeten

Begehungen 2019: Rausch

Presse

Ansprechpartnerin

Anfragen bitte an Sarah Hofmann, presse[at]begehungen-chemnitz.de